"Der oft verzweifelt wirkende Ernst, der über angestrengten verbalen Versuchen unserer Tage liegt, sein mitunter spastischer Charakter, der zu merkwürdigen Beklemmungen und Verklemmungen führt, zu einer Verbissenheit, die etwas Furchterregendes und etwas Rührendes zugleich an sich hat, sind Symptome für Veränderungsvorgänge großen Stils. Sie ereignen sich hinter der Bühne, auf der gut oder schlecht, aber jedenfalls ununterbrochen agiert wird, indem man sich den Umdrehungen und der wachsenden Geschwindigkeit der Umdrehungen des lyrischen Perpetuum mobile anschließt und sich eine Weile herumschleudern lässt. Aber man kann darauf auch anders reagieren und hat es getan. Man kann sich lockern auf eine Weise, wie dies bisher nicht für möglich gehalten wurde. Man gibt damit dem methodischen Ernst den Abschied und erleichtert sich, indem man 'spielt'. (...) Das Spiel hat - wie anderes - seine Manier. Aber es leistet sich diese Manier unbefangener als andere Manierismen, einfach deshalb, weil die unwiderstehliche Quicklebendigkeit, die ihm innewohnt, die Widerstandshürden, die Hindernisse, die ein Bedenken errichtet, eher nimmt und hinter sich lässt. Das Spielerische macht sich oft dann frei, wenn irgendeine Pression vorhanden ist. Das Spiel als Ventil also? Als Gegendruck? Als antispastisches Mittel? (...) Aber heute versucht man sich auf das zierlichste und vollkommenste mit der Herstellung eines verbalen Gleichgewichtes mit Hilfe verbaler Mitwilligkeit und kann dabei in Untiefen stürzen, die schlimmer sind als der Sturz in frühere Höllen. Dem Spieler wird heute mitgespielt. Er muss auf sein Spiel achten, dass es nicht unversehens wieder mit ihm Ernst werde, bitterer Ernst."
Karl Krolow, in: ASPEKTE ZEITGENÖSSISCHER DEUTSCHER LYRIK (1961)

 

Doris Mallasch

WIRKLICHKEITSTRÄUMER

Brasilien-Bericht / POEMiE-Tour 2001

mit Live-Weltpremiere der Quantenlyrik

Der Dichter Tom de Toys in São Paulo am Colégio Humboldt

und an der Porto Seguro (Februar - März 2001)


"echtes leben / echtes leben / hautnah echtes / leben leben" stampfte es aus dem Vortragssaal des Colégio Humboldt anlässlich der Dichterlesung - aber nicht etwa aus Boxen und Apparaten, sondern aus den Mündern der anwesenden Lyrikliebhaber aller Altersstufen. Wer ist dieser Mann, der honorige Kulturveranstaltungen in Self-made-Technoschuppen verwandeln kann?
Tom de Toys wird der alternativen Dichterszene Deutschlands zugerechnet. Sein Werk umfasst Zyklen im kaskadenartigen Hölderlinstil ebenso wie Wortspielereien nach Ernst Jandl und politische Demonstrationslyrik. Er war Betreiber des Literatursalons im Tacheles in Berlin-Mitte und arbeitet sowohl solistisch als auch gelegentlich mit Musikern zusammen. Den Schülern, die das Deutsche an den deutschen Schulen in Brasilien oft als ein ungeliebtes, unlebendiges, ja veraltetes Regelwerk erleben, eröffnete er eine Woche lang eine andere Dimension dieser Sprache. Den Höhepunkt seines Aufenthaltes bildete dann eine abendliche Lesung vor Literaturinteressierten, in der der Künstler ein Spektrum seines Könnens bot: Meditative Stücke aus den 80er Jahren (ZWEIFEL: "ich bin / weder frage noch antwort"), mitreißende Agit-Prop-Stücke aus den 90er Jahren (EXTASE STATT ELITE: "in deutschland is nix los") sowie aktuelle persiflierende Chansons (ÜBERMENSCHE(L)N: "melanie melanie / der mensch ein engel und ein vieh"), bei denen er sich selbst am Klavier begleitete. Die Gangstarap-Parodie DAS STUDIOSTÜCK wurde tänzerisch von drei Schülern des Colégio Humboldt während der Aufführung spontan im Rap-Tanzstil interpretiert.
Tom de Toys kontrastierte diese intensiven, sehr an der Jugendkultur orientierten Darbietungen mit introvertiert vorgetragenen Gedichten wie AN DIE ENKEL und dem WIRKLICHKEITS(T)RÄUMER. Der Lyriker thematisiert gesellschaftliche Themen ebenso wie individuelle und zeigt auf, dass beide Bereiche keinen Gegensatz bilden, sondern unabdingbar zusammengehören. Dort, wo echter Kontakt zwischen Einzelnen entsteht, können auch gesellschaftliche Utopien wachsen. Diese Botschaft war zuvor in fünf Lesungen bereits bei den Schülern angekommen. Sie verdichtete sich in der abendlichen Lesung ebenso für die anwesenden Zuhörer. Der neue Schulleiter des Colégio Humboldt Peter Beckmann ließ als Dank an den Künstler die Zuhörer ein De Toysches Gedicht als spontane Gemeinschaftskunst im Chor sprechen.
Die Forderung nach Kontakt zwischen Einzelnen kann am besten beim gemeinsamen Kunstproduzieren erfüllt werden. So wurde die Botschaft des Dichters am Colégio Humboldt sofort in Form eines Projekts gelebt: Der Raum der abendlichen Lesung war Teil einer von Schülern aufgebauten Ausstellung zum Thema "Lila". Anlässlich des Dichterbesuchs dichteten und konzipierten 120 Schüler des Colégio Humboldt Werke und Installationen, die unter anderem während einer Exkursion im Botanischen Garten entstanden waren. Der Farbbegriff "Lila" ist im Deutschen und Portugiesischen gleich und somit ein Wort der Begegnung. Auch die Schüler der Porto Seguro dichteten nach der Dichterlesung zum Thema und werden genauso wie die Schüler der Schweizer Schule mit ihren Gedichten in einem Buch vertreten sein, das im Berliner G&GN-Verlag herauskommt.
Wenn brasilianische Schüler einen deutschen Dichter wie einen Popstar feiern, kann dies als ein Beitrag zur kulturellen Globalisierung im besten Sinne verstanden werden. Der Erfolg gibt dem Konzept recht. Das Colégio Humboldt wird seine kulturelle Reihe mit jungen Künstlern aus Deutschland fortsetzen.
Der Künstler war zum Abschluß seiner Tournee (die auch einen Auftritt an der Corcovado-Schule in Rio beinhaltete) dank des Goethe-Instituts in der Universität mit einer Performance zu erleben, die sich als Weltpremiere seiner frisch erfundenen Quantenlyrik entpuppte.
Im Internet informiert De Toys auf einer Homepage über sein Schaffen...


Der Titel des Berichtes wurde entlehnt vom 22.E.S. "WIRKLICHKEITS(T)RÄUMER"