"Hat Lyrik noch eine Funktion innerhalb der Realität unseres modernen Lebens? Wenn ja, welche? (...) Lyrik lädt uns ein zu der einfachsten und schwierigsten aller Begegnungen, der Begegnung mit uns selbst. (...) Daher ist die Selbstbegegnung des Lyrikers zugleich einmalig und Modell von Begegnung überhaupt: mit den andern, mit der Wirklichkeit. Unwiederbringlicher Augenblick, Zeit außer der Zeit. Im Gedicht ist er eingefroren, auftaubar. Wirklicher als die Wirklichkeit: ihr jeweils neu und anders realisierbarer Potentialis."

Hilde Domin: WOZU LYRIK HEUTE? LYRIK UND GESELLSCHAFT (1964)

 

"Tatsächlich birgt es einen beträchtlichen therapeutischen Wert, wenn man es sich ermöglichen kann, sich eines jeden möglichen Bildes oder Tons bewußt zu werden. Es steht fest, daß es einem das Wunder des Sehens oder Hörens als solches vor Augen [bzw. in die Ohren] führt. Zum anderen befreit die profunde Bereitwilligkeit, überhaupt zuzuhören oder etwas zu betrachten, den Geist von festgefaßten Meinungen, was Schönheit angeht, und schafft gewissermaßen einen Freiraum, in dem möglicherweise neue Formen und Beziehungen entstehen mögen. Aber dies ist Therapie; es ist noch keine Kunst. Es bewegt sich auf dem Niveau des zusammenhanglosen Geschwafels eines Patienten auf der Couch des Psychiaters: als Therapie tatsächlich von Bedeutung, obwohl es keineswegs das Ziel der Psychoanalyse ist, Konversation und Literatur durch Zusammenhangloses zu ersetzen."

Alan Watts, in: BEAT-ZEN, SPIEßER-ZEN UND ZEN (1958)

 

L Y R I K T H E R A P I E . d e

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GESAMMELTE GEGENWART - Eine kleine poesiepädagogische Übung für Deutschlehrer, Lyriktherapeuten und jeden Neugierigen, der noch über das Dasein staunen kann

W A R N U N G VOR GEWERBLICHER IMITATION IN PRÄTENZIÖSEN FERNSTUDIENGÄNGEN & PSEUDO-SERIÖSEN PRIVATAKADEMISCHEN CRASHKURSEN: Schützen Sie sich als Kunde, Klient und Konsument vor der zertifizierten Hirnwäsche durch profilneurotisch dozierende Quereinsteiger & Trittbrettfahrer, die NLP, Hypnose, Imaginationen und andere Trendmethoden sowie subkulturelle Erfindungen, die sich dank Massenmedien zeitgeistig "etablieren", dazu mißbrauchen, Ihnen in "esoterischen" Workshops und vermeintlich "ganzheitlichen" Seminaren emotionale/ekstatische Selbsterfahrungen (bis hin zu angeblich mystischen Erleuchtungen) zu suggerieren, um viel Geld an Ihrer neugierigen Offenheit zu verdienen! Die folgende POEMiE™-Übung ist die kostenlose ULTRAKURZVERSION einer originalen G&GN-Maßnahme von 1991, die der individuellen anti-institutionellen Persönlichkeitsentwicklung dient und deren Wortlaut hundertprozentig vom G&GN-Institutsleiter stammt. Die Durchführung der Übung geschieht auf eigene Gefahr und sollte je nach seelischem Zustand notfalls so radikal abgewandelt werden, daß DU DICH DABEI IN DEINER HAUT UNBEDINGT WOHLFÜHLST - nutze Deine eigenen intuitiven Kräfte: die Übung ist nur eine Einstiegshilfe für Anfänger wie ein Anker, den Du selber lichtest! Wenn Du Dir unsicher bist, ob Du ein seelisches Risiko eingehst, erzähl einer Person Deines Vertrauens von Deinem lyrischen Vorhaben, die Dich eventuell sogar mit respektvollem Abstand in allen Punkten begleitet oder Dir zumindest zur Seite steht, wenn Dich irgendetwas an dieser Übung überfordert, psychisch ins Schleudern bringt oder sich ungeahnte Abgründe auftun. Scheue nicht davor zurück, notfalls auch professionelle Hilfe eines Psychotherapeuten aufzusuchen. Bedenke mit aller Sensibilität für Deinen eigenen Zustand, daß die SUBTILE FREIGEISTIGE BESCHÄFTIGUNG MIT DEINER UREIGENEN SELBSTSPRACHLICHKEIT Tore ins biografische & kollektive Unbewußte sowie ins kosmische Überbewußte öffnen kann. Viel Spaß auf Deiner poesie-initiatischen Reise, gutes GELINGEN & GEDULD, falls Dich die Muse oder die Monster nicht sofort so küssen, wie Du es Dir heimlich wünscht!

GESAMMELTE GEGENWART

Die lyrische Versammlung der eigenen Gegenwart

Tom de Toys, 25.8.2012 © POEMiE™ (gemäß dem 1991er-Konzept für die Ausbildung zum freien Anti-"Diplomdichter" für Christian Ide Hintze*)

 

Ein eigenes Gedicht zu verfassen ist weder leicht noch schwer, denn es passiert fast von selbst, wenn wir uns in die angemessene "Stimmung des Staunens" über die absolut gegenwärtige Gegenwart bringen und dann mit höchster Bewußtheit frei fließen lassen, was uns an "Wörtern der Wirklichkeit" geschenkt wird. Dazu eine kleine meditative Anleitung, die immer und überall anwendbar ist:

 

1) SICH SELBST SAMMELN

 

Schaff Dir ein ungestörtes Ambiente, wo Du für Deine Umwelt für eine Weile absolut unerreichbar bist, um Dich ganz auf Dich selbst zu konzentrieren. Schalte also sämtliche Störquellen ab, die zur Reizüberflutung durch äußere Informationen führen und Dich zwingen, auf Deine Außenwelt zu reagieren. Zaubere Dir eine kommunikationsfreie Zone, um Dir die außergewöhnliche STÖRUNGSFREIE STILLE zu gönnen, wo Du von allen Bildern loslassen und Dich in Deinem Urvertrauen zu Dir selbst sammeln kannst.

 

Leg Dich mit breit ausgestreckten Armen und Beinen auf den Rücken und sinke tief in den Boden ein, lass Dich mit jedem tiefen Atemzug ganz tief zur Erdmitte ziehen und spüre, wie Dich der Boden trägt. Nimm Deinen Atem war, lausche dem Herzschlag und lass auch die allerletzten Gedanken fliegen.

 

Erlaube Dir, an nichts mehr zu denken, einfach nur völlig entspannt da zu liegen und Deine Anwesenheit zu genießen: Dies ist Dein ureigener Augenblick ganz mit Dir allein. Dein Bewußtsein ist jetzt so leer wie noch nie und bereit für ein Abenteuer der anderen Art, das Du selber erfindest!

 

2) EINDRÜCKE EINSAMMELN

 

Du fühlst Dich jetzt souverän wie ein Zenmeister und ziehst wie ein Spürhund mit einem Block Papier und Stift bewaffnet los, um einen neuromagnetischen SPIRITUELLEN SPAZIERGANG zu machen: Dein unendlicher Spirit ist nämlich erwacht und durchflutet die grauen Zellen mit kristalliner Klarheit!

 

Unterwegs saugst Du alle Eindrücke, die Dich berühren, ja wirklich berühren, in Dir auf und sammelst die dazugehörigen Wörter schwarz auf weiß. Es sind endlich WAHRE WÖRTER anstatt vorgefertigte, denn es sind Wörter, die Dir ganz persönlich urplötzlich spontan einfallen bei all dem, was Du JETZT empfindest für das, was auf Deinem Weg liegt. Es sind DEINE Wörter, ganz gleich, ob sie dem stinknormalen Alltag entstammen oder frei erfundene Fantasiewörter sind. Sie kommen aus Deinem freien Geist zu Dir und fühlen sich wahr an, weil sie Deinem Gefühl für das entsprechen, was Du gerade erlebst...

 

3) WÖRTER VERSAMMELN

 

Wieder zuhause oder an einem anderen gemütlichen Ort, wo Du Dich in Deiner Haut wohlfühlst, setzt Du Dich mit deinen Notizen hin und beglückwünscht Dich erstmal selbst zu den vielen Wörtern, die Du Dir auf der lyrischen Tour geschenkt hast. Du verfügst nun über ein echtes KREATIVES KAPITAL, das förmlich nach Auswertung und Anwendung schreit, um ein Gedicht zu ergeben.

 

Lies Deine Wörtersammlung genüßlich durch, kombiniere die einzelnen Wörter miteinander, sobald sie sich in Deinem Geist verbinden, ergänze sie mit grammatischen Feinheiten oder anderen Füllwörtern, falls Dir etwas fehlt.

 

Lass Dich nicht zu sehr von der Logik der Erinnerung an das Erlebte bestimmen sondern treibe wild durch die Zettel und lass die Wörter von selbst magnetisch zueinander finden. Murmel sie vielleicht halblaut vor Dich her wie eine beschwörende Zauberformel, warte geduldig, bis sie sich von alleine zueinander fügen, spiel den GEISTIGEN GEBURTSHELFER Deiner eigenen literaturfreien** Poesie!

 

Diese letzte Arbeitsphase kann ziemlich anstrengend werden und sogar lange dauern. Geh vorsichtig und gesund mit Dir selbst um, gönn Dir genügend POETISCHE PAUSEN, um nicht zu verkrampfen, wenn der Sortierungsprozess nicht so leicht und locker von der Hand geht, wie Du es Dir erhofft hast. Besonders beim allerersten Versuch, diese Übung zu machen, solltest Du Dich immer wieder zwischendurch für den Mut belohnen, so etwas Verrücktes überhaupt zu probieren :-)

 

BEISPIEL:

Eindrücke: "auto zu schnell", "in hundehaufen getreten", "notaufnahme im krankenhaus", "raumschiff enterprise" = Kurzgedicht "GLÜCK IM UNGLÜCK": autos mit licht- / geschwindigkeit überrollen / die hundehaufen / in die kurz zuvor / jemand trat der / jetzt weiterlebt //

 

4) PLASTISCHE UMSETZUNG DER LYRISCHEN ERGEBNISSE ALS "OBJEKTLYRIK" IM KUNSTTHERAPEUTISCHEN KONTEXT MÖGLICH, SIEHE PROJEKTBEISPIEL AM BERLINER CAMPUS RÜTLI 2006: "JEDER SCHÜLER IST EIN KÜNSTLER"

 

 

* Christian Ide Hintze = der 2012 verstorbener Gründer & Leiter der Wiener Schule für Dichtung "begrüßte" (belächelte) 1991 mein naiv begeistertes Interesse, eine Filiale der Dichterschule in Köln zu gründen. Allerdings war ich damals zu jung, um eine solche Struktur im Alleingang aufzubauen, und darüber hinaus viel zu exzessiv in meine eigenen lyrischen Prozesse verwickelt, um mich um größere Projekte ohne Support zu kümmern. Leider bat mir Hintze damals keine weiterreichende Unterstützung an, sondern beließ es bei der schnell allzu schnell hingekritzelten handschriftlichen Randnotiz im formellen Brief seiner Sekretärin, die sich sehr höflich für mein Interesse an seiner Schule bedankte, indem sie mir die Broschüre mit den Kursangeboten schickte. Ich schwor mir damals, junge, schüchterne, angehende Dichter niemals derart arrogant abzuservieren (und auch mich selbst nicht mehr so würdelos behandeln zu lassen), ganz gleich wie berühmt oder alt ich würde, denn das Lebenswichtigste & Lebenssinnstiftende war und ist für mich immer nur DAS ZUTIEFST MENSCHLICHE ZWISCHEN MENSCHEN JENSEITS DER PROFILNEUROTISCHEN MEDIENMASKERADE...

 

** Literaturfreiheit = die eigensprachliche Unabhängigkeit von literaturtheoretischen Modellen und literaturhistorischen Moden, um angstfrei jenseits aller Klischeés zur ureigenen Sprachlichkeit zu finden: Es gibt keine Literatur "an sich" sondern nur FREI VERFERTIGTE Literatur von Individuen, die ERST DANACH von Literaturwissenschaftlern entweder in vorhandene Schemata eingeordnet oder als innovative Kraft einer neuen Strömung bezeichnet werden - oder sogar als Einzelgänger gefeiert, verflucht oder vom zeitgenössischen Literaturbetrieb schlichtweg ignoriert werden :-)

 


HYNWAYS ZUR KRONYK DER LÜRIKTÄRRAPIE: Bereits 1993 arbeitete der Mainzer Wortkünstler Dr.Treznok unter der einerseits belächelten, andererseits irritiert bestaunten Berufsbezeichnung Lyriktherapeut, als der privatakademische Boom der "kreativen" Schreibkurse in Deutschland noch nicht begonnen hatte. Auf der damaligen Minipressenmesse (gegründet als "Gegenmesse" zur Frankfurter) diskutierte er mit anderen Verlegern und Besuchern über die Bedeutung des Buchstabens Ypsilon, während sich dort parallel die Socialbeat-Bewegung durch die konspirative Vernetzung einiger Selbstverleger formierte. Ich selber stellte mich öfters auf den Tisch meines G&GN-Verlagsstandes, um spontan gegen die biedere Langeweile des Wartens auf Käufer zu performen, denn die stickige Stille in dem überhitzten Messezelt machte entweder depressiv oder delirisch. So lernte ich den wundervollen Treznok mitsamt Inox Kapell und der Tänzerin Morgain (Andrea Sand) sowie die spätere SB-Fraktion kennen, besonders die Leverkusener Autoren Thorsten Nesch & GrIngo Lahr (Hrsg. der ZS "Kulturterrorist"), dem ich verdankte, daß ich beim legendären 1.SB-Festival in Berlin als Lyrikperformer involviert war...