VORSTUFE ZUM LYRIKYOGA: SCHREIBWERKSTATT "SPRACHSALAT"

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In Anlehnung an mein poesiepädagogisches Objektlyrik-Projekt von 2006 im Kunstunterricht am Campus Rütli (Berlin) mit hyperaktiven Teenies variiere ich einzelne Elemente von damals 2019 zu einem Aktivierungskonzept, das an die Fähigkeiten dementer Senioren angepasst ist und die "integrative Biografiearbeit" mit synästhetischem Gedächtnistraining verbindet. Konkret verläuft ein derartiges Angebot folgendermaßen:

 

1) "Welches Wort fällt Ihnen ein, das eine große Bedeutung für Sie hat?"

 

2) "Wählen Sie einen oder mehrere Buntstifte aus!"

 

3) "Schreiben Sie Ihr gewähltes Wort ganz groß auf das Blatt Papier!"

 

4) "Welcher Gedanke kommt Ihnen bei dem Wort in den Sinn,

wenn Sie es jetzt vor sich lesen?"

 

5) "Schreiben Sie diesen Gedanken auf ein neues Blatt Papier!"

 

6) "Fällt Ihnen noch mehr zu diesem ersten Gedanken ein?"

 

7) "Schreiben Sie weitere Gedanken zu dem Wort auf!"

 

8) "Verbinden Sie alle Sätze zu einem ganzen Text!

Erzählen Ihre Gedanken eine Geschichte aus Ihrem Leben?"

 

9) "Lesen Sie den Anderen Ihr Wort (und Ihren ersten Gedanken) vor!"

 

10) "Lesen Sie uns die Geschichte vor, die daraus entstanden ist!"

 

Jeder Punkt ist das Ziel! Das Angebot wird an jedem Prozesspunkt an die individuelle Tagesverfassung der Teilnehmer angepasst und kann an allen Punkten validierend unterbrochen und beim Folgetermin fortgesetzt werden. Außerdem übernimmt der Angebotsleiter die aktiv unterstützende Rolle des Wortvorschlagenden/ Schreibenden/ Vorlesenden für jene Teilnehmer, die nicht selber schaffen, sich für ein Wort zu entscheiden, den Stift zu führen, zu schreiben oder/und vorzulesen! Dadurch wird eine große Bandbreite an Teilnehmern ermöglicht ohne Unter- oder Überforderung.

 

QUELLEN: Rütli-Report ("JEDER SCHÜLER IST EIN KÜNSTLER")

HINTERGRUND: Validation (betreuuungsalltag.de) & Lyrikyoga (lyrikyoga.de)

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"Durch die geistigen Vorgänge,

wenn wir sie in der Seele wirken lassen,

werden wir warm, gesund und stark." 

Rudolf Steiner, 17.1.1909

 

Tom Holzapfel @ www.BETREUUNGSALLTAG.de

"JEDER PUNKT IST DAS ZIEL!"

PREMIERE: Schreibwerkstatt "SPRACHSALAT" am 17.1.2019

Am 17.1.2019 fand die Premiere der Schreibwerkstatt "SPRACHSALAT" mit einer Gruppe von 10 Bewohnern des Heinrich-Zschokke-Hauses in Düsseldorf-Gerresheim statt. Aus datenschutz-rechtlichen Gründen gibt es hier keine ins Detail gehende Dokumentation, sondern nur eine allgemeingültige Reflexion, die andere Betreuungskräfte ermutigen soll, eine Schreibwerkstatt in ihren Einrichtungen ins Konzept der Gruppenangebote aufzunehmen.

 

Die Grundhaltung des Spruches "Jeder Punkt ist das Ziel" im Konzept des Sprachsalat-Angebotes hat sich bereits bei der Premiere bewährt: jeder interpretierte die Anleitung in seiner individuellen Geschwindigkeit mit ganz unterschiedlichen Herangehensweisen. Auffällig war dabei, daß einige Teilnehmer zunächst eine Zeichnung ihres ausgewählten Wortes malten, um danach erst das ausgewählte Wort oder auch mehrere Wörter ebenfalls farbig hinzuzufügen. Bei manchen entstand sogar ein kompletter Titel für eine mögliche Geschichte. Da außerdem alle die daraus resultierenden Gedanken gerne auf demselben Bogen DinA3-Papier mit Kugelschreiber aufschrieben (je nach Position und Größe der Zeichnungen nicht nur darunter, sondern auch daneben, dazwischen oder um 90 Grad gedreht), erinnerten die fertigen Wortbilder am Ende teilweise an traditionelle Buchkunst; denn auch in alten Büchern begannen Texte häufig mit einem kunstvoll verzierten Anfangsbuchstaben oder der Text (z.B. ein Gedicht) wurde von einer Zeichnung umrahmt. Es gab andererseits aber auch Teilnehmer, die sehr lange über die richtige Wahl ihres Wortes nachdachten, ohne etwas dazu zu zeichnen, sondern sich ausgiebig mit einem einzelnen Wort beschäftigten und dazu Variationen entdeckten, die sie ebenfalls aufmalten. Nach einer halben Stunde waren schon alle mit ihrem jeweiligen Ergebnis zufrieden und hatten kein Bedürfnis mehr, weiter zu machen. Manch einem tat auch die Schreibhand weh, so daß es wichtig war, eine Pause einzulegen, um die Hand zu entspannen. So konnten wir die verbliebene Zeit der Stunde (16-17 Uhr) damit verbringen, uns über die Wortbilder zu unterhalten, den ein oder anderen Gedanken miteinander zu teilen und dazu weitere Assoziationen aus den unterschiedlichen biografischen Erfahrungswelten auszutauschen. Ich bin gespannt, wem diese Schreibwerkstatt so gut gefiel, daß er beim nächsten Mal wieder mitmachen möchte. Vielleicht war es aber auch für den ein oder anderen eine zu anstrengende oder seelisch zu aufrüttelnde Erfahrung, so daß er es lieber bei diesem einen Mal belässt. Diejenigen, die eine Fortsetzung wünschen, werden entweder an ihre ersten Wörter und Gedanken anknüpfen, um daraus eine Geschichte oder Reime zu entwickeln, oder sich lieber einem neuen Wort widmen, um sich an etwas anderes aus ihrem Leben zu erinnern. Fast alle Teilnehmer wollten ihre Kunstwerke nicht mitnehmen, sondern bevorzugten, daß ich sie einsammel und an einem sicheren Ort aufbewahre. Ich persönlich war sehr berührt von der Bereitschaft, dem Mut und der Ausdauer, die jeder Bewohner mitbrachte, um sich auf diese neue Erfahrung einzulassen. Es war eine wundervolle Gruppe, die sich zu dieser Premiere eingefunden hatte. Immer wenn zukünftig neue Teilnehmer hinzukommen, können diese ganz einfach mit demselben Ritual der Wortmeditation als Initialzündung beginnen, während andere parallel dazu vielleicht wieder blätterweise Gedanken aufschreiben oder an der weiteren Ausformulierung ihrer ersten Geschichte arbeiten...

 

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